|
There are no translations available.
Mehr als eine halbe Milliarde Euro investiert die EU-Kommission in den Bau von 14 Satelliten, deren Bau sie gerade in Bremen in Auftrag gegeben hat. Dennoch wird es noch mindestens bis zum Jahr 2014 dauern, bis Galileo, Europas Antwort auf das US-Navigationssystem GPS, arbeiten wird. In Prien am Chiemsee denkt man schon weiter. Dort entwickelt Gerd Waizmann, Geschäftsführer der Firma Protime, zusammen mit dem Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik ein Suchgerät für Lawinenopfer. Mit Hilfe der Daten, die Galileo einmal senden wird, soll es Verschüttete schneller als herkömmliche Suchgeräte orten. "In spätestens vier Jahren ist unser Rettungsnavigator auf dem Markt", sagt Waizmann. Noch sendet Galileo nicht. Für die Entwicklung des satellitengestützten Suchsystems ist das jedoch kein Problem. Geprobt werden kann in der "Galileo Test und Entwicklungsumgebung" (GATE) in Berchtesgaden. Auf sechs Berggipfeln simulieren Sendeantennen die Galileo-Signale. Projektleiter Wolfgang Inninger vom Fraunhofer Institut: "Nur wenn die genaue Position des Verschütteten unter den Schneemassen schnell bestimmt werden kann, sind die Überlebenschancen gut." Professoren und Studenten der Fachhochschule Rosenheim entwickelten den Algorithmus, der die Position des Verschütteten berechnet. Und zwar dreidimensional. Herkömmliche Lawinenpiepser können das nicht. Sie leiten die Suchtrupps entlang einer Feldlinie, die nicht immer direkt zum Opfer führt. "Wir kommen dagegen auf eine Genauigkeit von zehn bis 20 Zentimetern", sagt Protime-Chef Waizmann. "Und wir können auch ermitteln, wie tief der Verschüttete liegt." All das verkleinert die abzusuchende Fläche um drei Viertel. Und spart damit wertvolle Zeit. Das neue System soll vor allem bei schlechter Witterung zur Anwendung kommen, wenn nicht mit Hunden gesucht werden kann. Bergwacht, Flugrettung und Polizei sind ebenfalls in die Entwicklung miteinbezogen, um
das System den Anforderungen der Rettungskräfte anzupassen. "Da muss jeder Handgriff sitzen", sagt Klaus Pracht von der Bergwacht, der auf den Einsatz von Lawinenhunden dennoch nicht verzichten möchte: "Eine Hundenase kann nichts ersetzen", sagt er. Langfristig, so die Vision des Entwicklungsteams, soll jeder Skitourengeher in der Lage sein, mit einem von Galileo unterstützten Suchgerät verschüttete Kameraden zu finden. Dazu müssen die gängigen Suchgeräte mit dem Satellitenzusatz ausgestattet werden. Gespräche mit Herstellern von Lawinenpiepsern sind schon geplant. Die Juroren des internationalen Ideenwettbewerbs "European Satellite Navigation Competition" haben die Entwickler aus Prien bereits überzeugt. Sie verliehen ihnen erst kürzlich den Regionalpreis Bayern. Zudem wird das Projekt vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt sowie vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert. Auf die Idee zur Entwicklung eines auf Galileo basierenden Rettungssystems brachte Waizmann und Inninger die Bergwacht. Nach deren Erfahrung haben rund 40 Prozent der Verschütteten keinen Lawinenpiepser dabei. "Bis zum Herbst wollen wir herausfinden, ob wir mithilfe von Galileo nicht auch Handys orten können. Denn ein Handy hat jeder", sagt Protime-Geschäftsführer Waizmann. Inninger hängt derweil schon der nächsten Vision nach: Unbemannte Flugobjekte, ausgerüstet mit dem Suchsystem, die die Verschütteten lokalisieren. Der Vorteil: Der Job für die Retter wird sicherer. Besteht nämlich die Gefahr, dass weitere Schneemassen nachrutschen, minimiert die Bergwacht die Zeit in der Gefahrenzone. Mit den Suchdrohnen, die für das Auffinden der Opfer zuständig wären, müssten die Retter die Opfer nur noch bergen. Auch wenn das Galileo-Projekt schon jetzt sechs Jahre in Verzug ist, ist mit dem Bau der 14 Satelliten ein Anfang gemacht. Später einmal sollen es 30 sein. Sie könnten unter anderem vermeiden, was erst vergangenen Mittwoch wieder geschah, als eine Lawine in Vorarlberg zwei Snowboarder, 17 und 18 Jahre alt, aus Lindau verschüttete. Sie konnten nur noch tot geborgen werden.
Laden Sie hier den originalen Artikel als PDF herunter: Download
|